"Falsches Aufheben"? - Der Mythos, den (fast) alle glauben – und warum er dich sogar schwächer macht
- Florian Liess

- 7. Okt. 2025
- 4 Min. Lesezeit

„Geh in die Knie, halte den Rücken gerade, niemals krumm heben!“ – vermutlich hast du diesen Satz schon unzählige Male gehört. In Büros, auf Baustellen, in Fitnessstudios oder bei Rückenschulungen wird er wie ein unumstößliches Gesetz weitergegeben. Doch was wäre, wenn ich dir sage: Es gibt eigentlich gar kein „falsches Aufheben“. Dieser Mythos hält sich hartnäckig – und genau deshalb ist es Zeit, endlich und endgültig damit aufzuräumen.
🧠 Der Mythos vom „falschen Heben“
Die Idee, dass es falsche Bewegungen gibt, die unseren Rücken automatisch schädigen, entstand ursprünglich aus gut gemeinten Ratschlägen in der Arbeitsmedizin. Dort wollte man vor allem Menschen mit körperlich belastenden Jobs vor Überlastung schützen. Gut gemeint, -aber eben auch nur gut gemeint.
Was damals als Vorsichtsmaßnahme gedacht war, hat sich zu einer übertriebenen Angst vor natürlichen Bewegungen entwickelt. Heute denken viele Menschen, dass sie bei jeder falschen Bewegung oder bei leicht rundem Rücken sofort eine Verletzung riskieren oder ihren Rücken damit langfristig schädigen. Die Wahrheit ist allerdings eine andere: Unser Körper ist für Bewegung gemacht. Und das Aufheben gehört zu seinen elementarsten Aufgaben.
🦴 Unsere Anatomie ist perfekt – und für viel mehr gemacht, als wir ihr zutrauen
Unser Bewegungsapparat ist das Ergebnis von Millionen Jahren Evolution. Unsere Wirbelsäule, unsere Bänder, Muskeln und Sehnen sind nicht zufällig so, wie sie sind – sie sind perfekt darauf ausgelegt, zu tragen, zu heben, zu rotieren und sich zu beugen. Schon unsere Vorfahren hoben, zogen, trugen und jagten – und das ohne Rückenschulungen oder Warnschilder.
Der Grund, warum wir heute plötzlich Angst vor Bewegungen haben, liegt nicht an unserer Anatomie. Sie ist nach wie vor stark und leistungsfähig. Das Problem ist unser Lebensstil.
🪑 Bequemlichkeit macht schwach – nicht das Heben selbst
Früher waren wir Jäger, Sammler, Läufer, Kletterer. Jede Bewegung im Alltag war einem regelrechten Training gleichzusetzen: Holz hacken, ganztägige Feldarbeiten, Beeren pflücken, klettern, schleppen, tragen. Heute sitzen wir durchschnittlich über 10 Stunden am Tag. Unsere Bewegungsvielfalt schrumpft auf wenige, monotone Muster: vom Schreibtisch zum Auto, vom Auto zur Couch.
👉 Die Folge: Unsere Muskeln – besonders die tief liegenden, stabilisierenden Rumpf- und Rückenmuskeln – verkümmern.
👉 Die Fähigkeit, natürliche Bewegungen zu kontrollieren, geht verloren.
Genau deshalb fühlt sich ein rundrückiges Aufheben heute unangenehm und sogar gefährlich an – obwohl es anatomisch und für unser Wesen eigentlich etwas völlig normales ist.
Es ist also nicht die Bewegung an sich, die schadet, sondern unsere mangelnde Vorbereitung darauf.
📊 Wissenschaftlich belegt: Der Rücken ist robuster als du denkst
Moderne Studien zeigen eindeutig:
Die Wirbelsäule ist kein „zerbrechliches Gebilde“, sondern eine hoch belastbare Struktur, die selbst enorme Kräfte aushalten kann.
In mehreren Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass Menschen, die regelmäßig auch mit rundem Rücken heben, keine höhere Verletzungsrate haben als jene, die „lehrbuchmäßig“ heben. (O’Sullivan et al., Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy, 2019)
Entscheidend ist nicht die Hebetechnik, sondern die individuelle Belastbarkeit und Trainingszustand.
Es ist folglich immer eine Frage der Relation: Muskelkraft : Belastung
💪 Die Wahrheit: Es gibt kein schlechtes Heben – es gibt nur zu schwache Muskeln
Die oft zitierte „falsche Bewegung“ ist in Wirklichkeit nur eine Bewegung, auf die dein Körper nicht ausreichend vorbereitet ist. Ein Mensch mit kräftiger Rumpf- und Rückenmuskulatur hebt problemlos 20 kg mit rundem Rücken vom Boden – und bleibt auch langfristig gesund. Ein anderer, der jahrelang inaktiv war, kann sich beim Bücken nach einer Wasserflasche verletzen.
👉 Die Bewegung ist identisch.
👉 Der Unterschied liegt allein in der muskulären Ausprägung und Anpassung deines Körpers.
🧭 Was du tun kannst: Bewegung zurück in dein Leben bringen
Die Lösung ist weder Angst noch Vermeidung – sie heißt gezieltes Training und Gewöhnung. Hier ein paar einfache Schritte:
Rücken kräftigen: Regelmäßiges Krafttraining für Rumpf, Beine und Hüftmuskulatur verbessert die Belastbarkeit enorm.
Variabel bewegen: Hebe bewusst auf verschiedene Arten – mal mit rundem, mal mit geradem Rücken. Dein Körper liebt Vielfalt.
Alltag als Training nutzen: Trage Einkaufstaschen, bewege dich bewusst mehr, stehe häufiger auf.
Je mehr du dich bewegst, desto belastbarer wirst du – und desto weniger musst du dir über „richtig“ oder „falsch“ Gedanken machen.
🧠 Fazit: Dein Rücken ist auf keinen Fall zerbrechlich – er ist ein mechanisches Kraftpaket
„Falsches Aufheben“ ist daher ein Mythos, der uns schwächt, anstatt uns zu schützen. Dein Körper ist für Bewegung und Belastung gemacht – und jede Form von Aufheben ist gesund, wenn du ihn darauf vorbereitest. Es ist nicht die Bewegung, die gefährlich ist, sondern unsere moderne Bequemlichkeit, die uns verlernen lässt, was einst selbstverständlich war.
👉 Stärke deinen Körper, vertraue deiner Anatomie und hol dir die natürliche Beweglichkeit zurück. Dann wird Aufheben nie wieder eine Gefahr sein – sondern ein Zeichen deiner Stärke.
Bei Verletzungen sowie nach operativen Eingriffen, aber auch bei einer Instabilität oder geschwächter Muskulatur im Bereich der Rückenregion ist natürlich in erster Linie eine gewisse Vorsicht geboten. Schließlich ist dein Rücken womöglich im aktuellen Zustand muskulär nicht dazu ausgestattet unvorsichtig zu heben. Hier macht es Sinn sich langsam von dem "richtigen" Heben Schritt für Schritt zu entfernen und deinen Rücken so an neue und andere Belastungen zu gewöhnen. Sprich dazu gerne mit dem Physio deines Vertrauens. - Sehr gerne auch mit mir! :-)
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